Zum Abschied von der Steinkohle

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Ein persönliches Wort von Frank »Zepp« Oberpichler, Geschäftsführer Durian GmbH

Heute, am 21. Dezember 2018 ist er nun also perfekt, der Steinkohleausstieg in Deutschland. Damit sagt man nicht nur einem fossilen Brennstoff „lebe wohl“, sondern auch einem industriellen Fossil, das allein in den letzten zweieinhalb Dekaden mit über sechzig Milliarden Euro subventioniert wurde. Eine jahrzehntelange künstliche Beatmung also ist nun vorbei. Man kann mit einigem Recht sagen: Das ist gut so. Besonders dann, wenn umweltpolitische Betrachtungen angestrengt werden.

Ich selbst stamme aus keiner „Püttfamilie“. Mein Lebensrhythmus wurde vom Stahlkochen bestimmt. Mein Vater arbeitete bei Mannesmann, „malochte auf Schicht“, wie es immer hieß, „am Ofen“. Früh, Mittag, Nacht. Mein Abitur baute ich folgerichtig auf dem Mannesmann-Gymnasium und meine erste Bude maß zweiundvierzig Quadratmeter Mannesmann-Grund. Man war im Ruhrgebiet immer verwachsen mit „seinem Werk“, seiner Hütte, so auch mit seinem Pütt.

Daher schrieb ich 2015 das Buch »Grubenkind«, eine Zusammenarbeit mit Jürgen Post, leidenschaftlicher Fotograf und selber als Bergmann sein halbes Leben „unter Tage“. Zu diesem Zeitpunkt war der Steinkohleausstieg längst beschlossene Sache und für mich Anlass, dieser Industrie, diesen Menschen Respekt zu zollen und Wertschätzung entgegenzubringen. Denn schließlich war es das Grubengold, das die Industrialisierung im Ruhrgebiet erst ermöglichte und nach dem Krieg den Wiederaufbau in Gang brachte. Wirtschaftswunderland ohne Steinkohle? Undenkbar!

Aber die Zeiten ändern sich und wir sollten genau hinschauen, was jetzt im Ruhrgebiet passiert. Denn auch die Stahlproduktion hängt hier längst am Tropf und wenn man weiterhin arrogant die Neuerungen der Zeit verpennt, gibt es bald in Wolfsburg, Stuttgart und München weniger zu lachen.

Heute schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine Herz sagt: Gut für die Wirtschaft, gut für die Umwelt. Das andere aber sagt: Wieder geht ein Stück Kultur und damit Identifikation im Ruhrgebiet verloren. Einer der letzten Saurier wird zu Grabe getragen und wie groß die Lücke tatsächlich ist, die dies hinterlässt, werden wir erst in einigen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten sehen können.

Also liebes Ruhrgebiet, lieber Kohlenpott – um im Bild zu bleiben – nimm dir eine angemessene Trauerminute, sauf dann einen ordentlichen Schnaps, wie es im Steigerlied heißt, kremple die Ärmel wieder hoch und bau dir eine neue Zukunft. Wie wäre es zum Beispiel mit der SmartCityRuhr?

Ich bin dabei.

Glück auf!

Dein Frank »Zepp« Oberpichler


Passend dazu ein Beitrag aus dem Buch »Grubenkind«

Verlag Henselowsky Boschmann, 2015, ISBN 978-3-942094-53-5

„Schicht

Die letzte Schicht, der letzte Tag. Tagelang, wochenlang, monatelang, ja ewig hatten Wolle, Hotte und Enno darauf hin gearbeitet. Endlich ist der Scheiß dann vorbei hatten sie sich jeden Nachmittag, als es nach Hause ging zugerufen. Vor drei Monaten noch ziemlich laut, vor zwei Wochen schon leiser, wenige Tage zuvor nur mehr flüsternd. Und heute wollte das nicht mehr über die Lippen kommen. Der letzte Tag, die letzte Schicht. Bürgermeister, Arbeitsminister, der Stadtrat komplett, alle waren sie da. Wollten Grußworte richten, wollten Danke sagen, wollten die Arbeiter für ihren Einsatz loben, wollten die Zeche hochleben lassen. Wolle, Hotte und Enno hielten es nicht mehr aus, gingen stumm zum langen Kalle hin, der das Büdchen gegenüber Tor Eins betrieb. Stellten sich ohne ein Wort an den runden Tisch, bekamen jeder eine Flasche Export und einen Kurzen. Stießen wortlos an und heulten los, wie die Schlosshunde.“